Digital Leadership: Worauf es im Post-Corona Zeitalter ankommt

10 Digital Leadership Prinzipien, die Führungskräfte heute beachten müssen.


Eines ist in der ganzen Krise rund um COVID-19 unumstritten: Sie hat zu einem gewaltigen Digitalisierungs-Schub geführt. Unternehmen, die schon zuvor auf eine digitale Ökonomie gesetzt haben, sind jetzt die Gewinner. Solche, die die Digitalisierung verschlafen haben, wurden nun endgültig abgestraft.

Die „neue Normalität“ ist vor allem eines: Digital. Schon bisher galt der Satz „Digital is the new normal.“ Spätestens jetzt nach Corona ist diese Wahrheit wirklich überall angekommen – auch bei Führungskräften. 

Nach einer Forrester Studie von 2014, gaben 74% von über 1.200 Führungskräften globaler Unternehmen an, eine digitale Strategie zu haben, doch nur 15% glaubten, die nötigen Fähigkeiten dafür zu besitzen, diese umzusetzen. 

Was heißt es also, im digitalen Zeitalter zu führen? Schon seit einiger Zeit geistert ein Begriff herum: Digital Leadership.  

Digital Leadership wird vielfach mit einem CDO gleichgesetzt, dem Chief Digital Officer. Einer Position im Führungsteam, die sich um den digitalen Wandel des Unternehmens kümmern soll. Und so wichtig so eine Position sein kann: Es geht um weit mehr. 

So wie ich Digital Leadership definiere, geht es um einen neuen Führungsstil.

Digital Leadership ist mehr, als für eine begrenzte Zeit eine Organisation „digitaler zu machen“. Digital Leadership ist ein Mindset. In einer Welt, die digital ist, muss auch Leadership digital denken. Daher bin ich übrigens überzeugt, dass wir das Wort „Digital Leadership“ nur eine begrenzte Zeit verwenden werden, denn früher oder später wird das, was Digital Leadership ausmacht, einfach zum Standard gehören. Eben die neue Normalität.  

Bis wir aber alle dort sind, möchte ich einige Punkte herausarbeiten, was Digital Leadership bedeutet und Führungskräfte heute verstehen und beachten müssen.

1. Digitaler Wandel ist ein Kulturwandel

Als Erstes und Wichtigstes müssen Führungspersönlichkeiten verstehen, dass der digitale Wandel ein Kulturwandel ist. Es geht nicht nur darum, ein paar digitale Tools einzuführen. 

Die Menschen heute sind durch die Digitalisierung geprägt: Sie sind veränderungsbereiter, sie arbeiten schneller, leben transparenter. Klassische Hierarchien funktionieren nicht mehr wie gewohnt, doch viele sind unsicher, wie es stattdessen funktionieren kann. 

Mehr denn je ist daher die Vorbildfunktion der Führung gefragt, Orientierung zu bieten und diese neue Kultur zu leben. Nur wenn sich die Führungsebene auf die neue digitale Umstände anpasst und klar vorangeht, werden die Mitarbeiter folgen. Leadership by Example ist hier entscheidend. Frei nach dem Prinzip: Warum sollte ich eine Maske tragen, wenn es der Präsident nicht tut… 

2. Digitale Mechanismen verstehen

Wer heute vorangehen will, braucht vor allem ein Verständnis davon, wie unsere digitale Welt funktioniert. Ein Beispiel: Der Umstand, dass Daten exponentiell wachsen führt zu einer Knowledge Revolution. Kollektives Wissen wird wichtiger als individuelles Wissen. Das verändert, wie Führung funktioniert und bedeutet einen entscheidender Shift, wie heute geleitet werden muss.   

Ein anderes Beispiel, das ich hier in einem Blog Artikel zur Smartphone Kamera Revolution beschrieben habe, zeigt, wie wichtig es ist, laufend den Überblick zu behalten und zu merken wie scheinbar einzelne technologische Entwicklungen in Kombination auf einmal zu gewaltigen Umbrüchen führen.

3. Innovative Tools nutzen

Natürlich gehört zum Vorgangehen auch, die entsprechenden neuen Tools zu nutzen. Der Leadership Guru John Maxwell gibt in einem seiner Podcasts aus der Corona Quarantäne zu, dass er sich lange gegen viele Tools sträubte. Durch die Krise war er endgültig gezwungen zu lernen damit umzugehen. Es ging schlicht nicht mehr anders. Gefühlt weiß seit Corona nun jeder 70-jährige, wie Zoom oder ein anderes Videokonferenz-Tool funktioniert. 

4. Shift zu jüngeren Führungspersönlichkeiten

Doch auch wenn sich nun mehr oder weniger jeder alteingesessene Manager mit Zoom abgefunden hat, ist eines klar: 
Die Jungen haben sich in der Krise insgesamt viel leichter getan, sich auf die neuen Umstände einzustellen. Sie sind es auch, die den „alten Hasen“ gezeigt haben, wie die digitalen Tools funktionieren. Sie sind diejenigen, die sich mit den digitalen Möglichkeiten besser auskennen, Initiativen gesetzt haben, und so vielfach automatisch in Führungsrollen gekommen sind. 

John Maxwell sagt in einem anderen Podcast: In der Krise sieht man, wer die wahren Führungspersönlichkeiten sind. 
Viele Junge, die zuvor keine „Positional Power“ hatten, konnten in der Krise ihr Potential auf ganz natürliche Art zeigen und wurden plötzlich zu denen, auf die alle schauten und vertrauten.

Nicht nur in Krisenzeiten sollte das Senior Leadership daher darauf achten, junge Führungskräfte zu fördern und sie ernst zu nehmen. Unsere Zeit verlangt nach jungen Führungskräften, die wissen, wie der digitale Hase läuft.  

Und nach der Erfahrung während der Corona Krise, dass sie Entscheidendes zum Erfolg einer Organisation beitragen können, würden sich Junge enttäuscht anderswo hin wenden, wenn sie nun nicht die die Chance bekommen würden, allgemeiner Führungsverantwortung zu übernehmen. 

Das Momentum ist heute mehr denn je dort, wo junge Führungskräfte sind. Dieser Trend ist natürlich stark von der Startup Szene geprägt, die der Welt gezeigt hat, dass es ganz normal sein kann, mit 24 ein millionenschweres Unternehmen zu leiten. Doch auch in der Politik ist der Trend angekommen, das zeigen nicht nur die neuseeländische Premierministerin oder der Bundeskanzler in meinem Heimatland. 

5. Prozesse und Strukturen digitalisieren

Halten wir diesen Punkt bewusst kurz, auch wenn er viel beinhaltet, denn er ist der offensichtlichste und am meisten behandelte. Natürlich müssen im digitalen Zeitalter Zuständigkeiten neu geordnet werden, neue Rollen, Regeln und Routinen etabliert und laufend angepasst werden. 

Wichtig ist mir zu sagen: Bei der Digitalisierung eines Unternehmens geht es um weit mehr als darum, das Marketing digital zu gestalten. Neue digitale Vertriebswege sind nur ein Beispiel.

Es geht um das Bigger Picture. Auch Strategien und Geschäftsfelder müssen digital werden. Ein CDO (Chief Digital Officer) dafür ist ein guter Anfang. In einer Studie von Deloitte erfüllten nur 30% der analysierten Unternehmen die Erfolgsfaktoren, die Digital Leadership ausmachen. 70% der Unternehmen, die diese erfüllten, hatten einen CDO.

Doch wie eingangs schon erwähnt: Wenn Digitalisierung wirklich funktionieren soll, muss sie zu einem gewissen Grad wirkliche Chefsache sein.  

6. Personal Branding 

Personal Branding hat seit dem Siegeszug von Social Media eine neue Dimension bekommen. Wie sich ein CEO auf Social Media Kanälen präsentiert, ist schon lange keine Nebensache mehr. Trotzdem sind bisher noch immer ein Drittel der DAX CEOs gar nicht auf Social Media aktiv

Dabei wird in Zeiten von Remote Work das Thema noch einmal eine Stufe relevanter. Es geht darum „digital greifbar“ zu sein, auch innerhalb des Unternehmens. So wie es früher aufgefallen ist, ob ein Top-Manager in der Kantine isst und sich mit den Mitarbeitern unterhält, so fällt es heute auf, ob eine Führungsperson in WhatsApp Gruppen und Co präsent und aktiv ist oder sich lieber heraushält. 

Das heißt nicht, dass jeder CEO auf allen 329 Social Media und Messenger Diensten dieser Welt aktiv sein muss, doch gilt es, das Thema nicht einfach „passieren“ zu lassen, sondern proaktiv und authentisch zu gestalten.

7. Mitarbeiter einbeziehen und fit für die Zukunft machen 

Die Gewohnheiten und Ansprüche der Mitarbeiter ändern sich nicht erst seit Corona. Homeoffice und mehr Flexibilität sind nur zwei der Standard-Stichworte.

Doch es gibt noch viel tiefer liegende Themen: Leitende von heute müssen Kontrolle abgeben und Mitarbeiter viel stärker in Entscheidungsprozesse einbeziehen als in analogen Zeiten. Insbesondere Generation Y und noch mehr die Generation Z erwarten, sich beteiligen zu dürfen. Wer gewöhnt ist, (Influencer) Stars seine Meinung mitzuteilen, wie der Hoodie der neuen Modelinie aussehen soll, möchte auch am Arbeitsplatz einbezogen werden. 

Mitarbeiter müssen außerdem angespornt und ermutigt werden, sich mehr denn je weiterzuentwickeln und neue Chancen zu nutzen. Die Digitalisierung und erst recht die Corona Krise haben viele Menschen arbeitslos gemacht. Was für Unternehmen als Ganzes gilt, gilt auch für Mitarbeiter: Nur diejenigen, die sich neu erfinden, die bereit sind sich auf andere Arbeitsweisen und vielleicht sogar andere Jobs (innerhalb des Unternehmens oder außerhalb) einzulassen, werden erfolgreich sein. Digital Leaders müssen Mitarbeitern hier als Vorbild dienen und sie dazu ermutigen, keine Angst vor Veränderungen zu haben. Und ihnen konkrete Maßnahmen, wie Umschulungen, anbieten.

8. Diverse und dezentrale Teams führen

Wie kann es funktionieren, ein Team auch in den vielfach neuen Arbeitsverhältnissen zu führen, die nicht zuletzt wegen Corona weit digitaler und dezentraler geworden sind? 

Entscheidend ist, ein Teamgefühl zu schaffen, einen „digitalen Raum“, der das Gefühl von Nähe und Gemeinsamkeit erzeugt. Das hängt wieder einerseits sehr stark mit dem gekonnten Einsatz von digitalen Tools zusammen – die verschiedenen Möglichkeiten zu kennen und zu bewerten, welches wo weiterhelfen kann. Denn Zoom ist nicht das Allheilmittel.

Doch geht es auch darum, unterschiedliche Generationen zusammenzubringen. Corona hat einerseits mitgeholfen, dass viele Ältere jetzt „digitaler“ geworden sind. Es hat aber auch andererseits den vorhandenen Gap aufgezeigt. Digital Natives und digitale Zuwanderer müssen zu einem Team geformt werden, das sich gegenseitig schätzt und die unterschiedlichen Stärken nützt.

9. Neue Meetingkultur

Ein ganz praktischer Aspekt in unserer digital-dezentralen Arbeitswelt betrifft das Leiten von Meetings. Dabei braucht es nicht nur den gekonnten Umgang mit Tools, sondern es werden auch andere Skills benötigt. Wie kann man Meetings zielorientiert abhalten, wenn man sich nicht gegenübersitzt? Wie die Konzentration sicherstellen?

Vor allem geht es aber auch darum, dass Führungskräfte unterscheiden können müssen: Wie viel digital braucht es und wo macht es wirklich Sinn? Nach dem digitalen Push, den uns Corona beschert hat, dürfen Führungskräfte nicht den Fehler machen, zu glauben, alles könne jetzt digital laufen. Es geht darum, zu unterscheiden, wo ein Videocall das effizientere ist und wo es ein Face to Face Meeting braucht. Da wo es um Beziehung geht, ist das persönliche Treffen entscheidend. Für einfache Abstimmungen zu einem Produktfeature brauche ich nicht um die halbe Welt zu fliegen.

Es bleibt dabei zu hoffen, dass Unternehmer nicht den Fehler machen, nur dort zu digitalisieren wo es ihnen praktisch erscheint, aber auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter vergessen. Wenn das Management zwar Business Reisen streicht „weil ein Videocall reicht“, zugleich aber Mitarbeitern nicht die Freiheit für Home Office & Co zugesteht, hat das viel Potential für Demotivation. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Menschen Sehnsucht nach dem echten Leben haben. Der Begriff „Zoom Fatigue“ beschreibt das in diesen Zeiten besonders gut. Leitende sind dazu herausgefordert, hier mit viel Weisheit und Fingerspitzengefühl zu agieren.

10. Visionär denken und mutig handeln

Vision gehört immer schon untrennbar mit Leadership zusammen. Doch mehr denn je kommt es im digitalen Zeitalter darauf an, als Führungskraft Trends rasch zu erkennen und unterscheiden zu können, ob sie langfristig für deine Organisation relevant sind.

Es ist entscheidend, dass du eine langfristige Vision hast, in deren Rahmen du die Strategie rasch anpassen kannst. Immer den Überblick zu behalten, das Big Picture zu sehen und zu merken wie Dinge zusammenhängen können – das haben wir schon bei Punkt 2 gesehen. 

Das kann auch bedeuten, seine Organisation oder Unternehmen völlig neu zu erfinden, nicht nur ein bisschen anzupassen. Die digitale Transformation ist schon lange dabei, jeden Wirtschaftsbereich zu „disrupten“. Ich selbst bin da etwa gerade mit unserem Startup LiveVoice im Dolmetschsektor dabei, der überraschenderweise noch immer sehr analog ist, obwohl inzwischen jeder ein Smartphone in der Tasche hat, das viel mehr kann als die dummen grauen Boxen, die man teuer kaufen oder mieten muss. 

Leadership kann man, wie es Bill Hybels tut, sehr einfach so definieren: „Moving people from A to B“. Es geht in Leadership immer um Veränderung. Digital Leaders müssen ihre Organisation auch durchaus bewusst irritieren und stören. Im digitalen Umbruch muss es der Leader sein, der alles hinterfragt und auch bereit ist, manches völlig umzugestalten. Eine Eigenschaft eines Digital Leaders muss also Bereitschaft zur Veränderung sein. Nein, viel mehr: Ein Drive zu Veränderung.

Dazu gehört auch eine positive Fehlerkultur. Digital handeln bedeutet in der Produktentwicklung bekanntlich, mit einem „Minimal Viable Product“ zu starten. Nicht auf das perfekte Produkt zu warten, bis es fertig ist, sondern rasch zu veröffentlichen, Feedback einzuholen und aus den Fehlern zu lernen. Das Selbe gilt für den Umgang miteinander im Unternehmen: Fehler dürfen weniger denn je per se negativ gesehen werden, sondern müssen als Chance genutzt werden um zu lernen. Nur so kann auch Innovation passieren und mit dem raschen Wandel Schritt gehalten werden. 

Digital Leadership als „New Normal“

Es wäre zu verkürzt gedacht, würde man schlussfolgern: Springe auf den digitalen Hype-Zug auf und alles wird gut. Es geht darum, die Digitalisierung gesund zu nutzen. Die digitalen Entwicklungen mit gesundem Menschenverstand zu umarmen, in ihnen neue Chancen zu sehen und diese auch zu leben.

Dabei ist Digital Leadership ganz eng mit Servant Leadership und Transformational Leadership verwandt. Durch die technologische und damit auch gesellschaftliche Entwicklung entstehen aber neue Herausforderungen, die diese Konzepte auf ein neues Level heben und weiterentwickeln. In einigen Jahren wird das dann unser „New Normal“ sein. Denn nur wer Digital Leadership versteht wird im Post-Corona Zeitalter wirklich führen können.

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